das Tattoo- und Piercing Verzeichnis

Spirituelle Piercing-Rituale

Spirituelle Piercing-Rituale

Das gezielte Durchstechen der Haut und des Gewebes zum Befestigen von Schmuck und das Dehnen der entstandenen Löcher werden seit Jahrtausenden in vielen Kulturen praktiziert. Überliefert sind Piercings von den Ureinwohnern fast aller Kontinente.

In archaischen Kulturen erfolgt die Modifikation des Körpers oft über Rituale. Innerhalb dieser nach festen Regeln ablaufenden Zeremonien geht es nicht allein um die Veränderung des Körpers. Zugleich symbolisiert das gemeinschaftlich vollzogene Ritual die Einbindung des Einzelnen in die Gruppe, den spirituellen Charakter und damit den tieferen Sinn der Körpermodifikation.

Traditionelle Piercing-Rituale
In Indien wird das Karnavedha-Ritual vollzogen, bei dem Kindern (meist zwischen dem dritten und fünften Lebensjahr) Ohrlöcher gestochen und goldene Ohrringe eingesetzt werden. Nach hinduistischen Glauben wird das Kind damit vor Krankheiten geschützt.

Steinreliefs in Mittelamerika zeigen das Durchstechen von Ohren, Wangen, Zungen und Genitalien. Nach Berichten der spanischen Eroberer erfolgten diese Körpermodifikationen als Opfergabe und dienten der inneren Reinigung.

In Thailand findet alljährlich an den ersten neun Tagen des neunten Monats im chinesischen Kalender (Ende September/Anfang Oktober) in verschiedenen Orten das Vegetarian Festival statt. Viele Teilnehmer versetzen sich dabei in Trancezustände und stechen sich während der farbenfrohen Prozessionen die unterschiedlichsten spitzen Gegenstände durch die Wangen und andere Körperregionen. Durch diese Rituale werden sie zum Medium der neun Schutzgeister. Vergleichbare Rituale werden am Vollmond des tamilischen Monats Thai (im Januar/Februar) im Süden Indiens, in Malaysia und Singapur zelebriert.

Verschiedene Indianerstämme praktizierten den so genannten Sonnentanz. Die Tänzer durchstachen ihre Haut an Brust oder Rücken und führten Holzpflöcke mit Schnüren durch die entstandenen Löcher. Diese Schnüre wurden an einen Baum oder Pflock gebunden, um den die Indianer dann mehrere Tage lang tanzten. Für junge Männer war der Sonnentanz ein Initiationsritus nach dessen Vollzug sie zu den Kriegern gehörten. Die erlittenen Schmerzen sollten den Tänzern spirituelle Erfahrungen ermöglichen. Begleitet wurde der Sonnentanz von Heilungszeremonien.

Spirituelle Piercing-Rituale in der modernen Zeit
Um spirituelle Erfahrungen zu erlangen, experimentierte der Künstler Fakir Musafar in den 50er und 60er Jahren mit überlieferten Körpermodifikationen alter Kulturen.
Die Anhänger der in den 80er Jahren in Kalifornien entstandenen Bewegung der „Modern Primitives“ orientierte sich bei der Modifikation der eigenen Körper ebenfalls an Bräuchen von Naturvölkern und an Initiationsriten alter Stammeskulturen, adaptierte sie jedoch. So wurde beispielsweise aus dem Sonnentanz der so genannte Body-Suspence.
Piercing-Rituale berühren Grundfragen der menschlichen Existenz, der (Selbst-)Erkenntnis und des Glaubens. Vielleicht erklärt das, warum das Piercing durch alle Zeiten hinweg als kulturelles Phänomen erhalten blieb und sich selbst in der modernen westlichen Gesellschaft zunehmender Beliebtheit erfreut.